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Interview des Geschäftsführers Reihnard König mit der PNN über 25 Jahre Arbeit mit der Zeitschrift für Blinde und Sehbehinderte

Reinhard König

Der nachfolgende Text erschien zuerst in der PNN am 3. August 2017 und wir verweisen in diesem Zusammenhang auf www.pnn.de .

 

„Für Amtsdeutsch brauchen sie einen Übersetzer“

 Reinhard König vom Sozialwerk Potsdam über 25 Jahre Arbeit mit der Zeitschrift für Blinde und Sehbehinderte, die Vorteile der Schwarz-Weiß-Schrift und die Situation für Betroffene in Potsdam

 

Herr König, Sie geben mit dem Sozialwerk Potsdam seit 25 Jahren die Zeitschrift für Sehbehinderte und Blinde heraus. Eine Zeitschrift für Blinde - das klingt erstmal paradox

Ja (lacht). Wir haben am Anfang auch einmal einen Anlauf genommen, unsere Zeitschrift in Blindenschrifterscheinen zu lassen. Das war erstens sehr teuer und wir haben zweitens viele ältere Mitglieder, die können die Brailleschrift, also die Punktschrift, nicht mehr lesen. Das Interesse an der Ausgabe in Blindenschrift war dann auch nur ganz gering. Das haben wir bedauert. Wir sind dann den anderen Weg gegangen und veröffentlichen die Zeitschrift seitdem in der Schwarz-Weiß-Schrift.

 Ihre Leser brauchen also Hilfe, jemanden, der vorliest. Die 50. Ausgabe wurde aber auch im Internet veröffentlicht, wo es diverse Vorleseprogramme gibt. Ist das die Zukunft?

 Einerseits ja: Viele Blinde und Sehbehinderte nutzen diese Vorleseprogramme. Aber das muss man auch technisch beherrschen. Gerade Ältere sind eben nicht mehr so firm in der Bedienung der Technik. Deswegen werden wir auch weiter unsere Veranstaltungen nutzen, um die Zeitschrift zu verteilen. Außerdem verschicken wir über 500 Exemplare an Betroffene, Vereinsmitglieder, Freunde oder Interessierte.

 Die Zeitschrift wird ehrenamtlich erstellt und erscheint zweimal im Jahr. Was hat die Blinden und Sehbehinderten in Potsdam in den vergangenen 25 Jahren bewegt?

 Es ist natürlich so, dass man immer das Ohr bei den Lesern hat. Die Leser bestimmen, was sie gern lesen wollen, auch der Vorstand des Sozialwerkes gibt Hinweise auf Themen. Beliebt sind immer unsere Veranstaltungskalender und die Berichte über Veranstaltungen wie Busfahrten. In der Rubrik Aktuelles berichten wir zur Barrierefreiheit in der Stadt Potsdam: Sind die Ansagen in den Bussen und Trams richtig oder gibt es Probleme, das alles wir angesprochen. Wir berichten auch über gesetzliche Dinge, zum Beispiel, wenn der Landtag Beschlüsse zum Blindengeld fasst. Selbst wenn das manchmal eher trocken erscheint, ist das eben auch wichtig. Stolz sind wir darauf, dass die Zeitschrift immer ein Leitwort hat, von verantwortlichen Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft. Wir freuen uns über diese Kontakte, die manchmal auch weiter führen.

 Zum Beispiel?

 Der langjährige Generalstaatanwalt Erardo Rautenberg zum Beispiel ist selber betroffen. ER hat zu uns Kontakt gesucht, ein Leitwort für die Zeitschrift geschrieben und uns dann nach Brandenburg in die Staatsanwaltschaft eingeladen. Wir sind mit 35, 40 Mitgliedern hingefahren und er hat uns alles gezeigt und erläutert.

 Wie steht es eigentlich um die Barrierefreiheit beim Informationsangebot von Behörden und öffentlichen Einrichtungen für Blinde und Seh behinderte?

                                           Reinhard König

 Das ist in der Tat ein Problem. Wenn Blinde und Sehbehinderte ein Schreiben bekommen, dann muss   das erstens immer ein Fremder vorlesen. Und zweitens ist da diese Sprache, dieses Amtsdeutsch, die nicht immer jeder versteht. Wenn zum Beispiel ein Bescheid über die Schwerbehinderung kommt, dann brauchen sie jemanden, der das übersetzt; und das ist keine intellektuelle Frage. Dafür hat das Sozialwerk auch die Beratungsstelle, wir sagen: Kommt zu uns, wir füllen eure Anträge aus, wir lesen euch das vor. Natürlich gilt dabei für unsere Mitarbeiter die Schweigepflicht.

 Was hat sich seit der Wende für Sehbehinderte in Potsdam verbessert?

 Eine ganze Menge. Wenn Sie heute als blinder oder sehbehinderter Tourist nach Potsdam kommen, können Sie sich hier mit dem Langstock bewegen. Da sind die rillierten Streifen an den Bahnsteigen, da sind die Ansagen in den Straßenbahnen und Bussen. Wer mit dieser Technik umgehen kann, der kann sich hier auch als Fremder ohne Begleitperson bewegen. In der Stadt gibt es ein gutes Miteinander für mehr Barrierefreiheit. Sei es durch die Stadtverwaltung, den Behindertenbeauftragten oder das Tiefbauamt, das bei uns nachfragt, wenn es um Fachkenntnisse für den Bereich Blinde und Sehbehinderte geht - zum Beispiel, wenn eine Ampelanlage umgestaltet wird. Sicher geht auch das ein oder andere Mal etwas schief, aber unterm Strich wird Barrierefreiheit seitens der Stadtverwaltung sehr gefördert.

 Wo wünschen Sie sich Verbesserungen?

 Neben der Behördenpost betrifft das vor allem das Finanzelle. Wir bekommen als Sozialwerk zwar finanzielle Mittel von der Stadt und dem Landkreis Potsdam-Mittelmark. Wir sind ja als Verein von einer Förderung abhängig, wir müssen die zwei Mitarbeiter bezahlen, die Miete für die Räume im Staudenhof, Versicherung, Berufsgenossenschaft, Telefon, Internet und so weiter. Die finanziellen Mittel, die wir bekommen, reichen da nicht immer aus. Wir wünschen uns vor allem vom Land eine finanzielle Unterstützung, die gibt es bisher gar nicht.

 

- Das Gespräch führte Jana Haase

 

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