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MAZ-Artikel „Sie sieht die Welt verschwommen“

 Es sind die kleinen Dinge: Jemand grüßt sie im Vorübergehen, aber sie erkennt ihr Gegenüber nicht. Geburtstagskarten selber schreiben, das geht nicht mehr. Um anderen Menschen den Alltag von Personen mit einer Sehbehinderung näherzubringen, hat die MAZ unser Mitglied Anita Eifrig in Potsdam begleitet.

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Dienstag, 13. März 2018

 

 Sie sieht die Welt verschwommen

 Anita Eifrig ist sehbehindert. Die Schönheit ihrer Umwelt ruft sie aus Erinnerungen ab. Manchmal, wenn Menschen an ihr vorüber gehen, dann grüßen sie. Aber was soll sie tun, wenn sie ihr Gegenüber nicht erkennt? Wir haben Anita Eifrig in Potsdam begleitet.

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Was Anita Eifrig noch vor wenigen Jahren sehen konnte, muss sie jetzt mit den Händen ertasten. Quelle: FOTOs: Julian Stähle

 Anita Eifrig setzt zaghaft einen Schritt vor den anderen. „Hier kommt jetzt eine große Kreuzung“, sagt sie. An einer Ampel tastet die Rentnerin den Halter ab, mit dem sie das Signal setzt, die Straße überqueren zu wollen. Mit zwei Fingern hält sie zwei Knöpfe am unteren Rand fest. Es wird grün und ein schrilles, lautes Piepen dringt in die Ohren. Dann geht sie los – so schnell sie kann, so vorsichtig wie möglich über die Schienen der Straßenbahn, die in die Fahrbahn eingelassen sind. Anita Eifrig ist stark sehbehindert, leidet unter dem Grünen Star und einer Makuladegeneration, einer Erkrankung der Netzhaut.

 6000 Menschen in Brandenburg sind blind, 20 000 bis 30 000 haben eine starke Sehbehinderung, sehen weniger als ein Drittel. „Die meisten Menschen erblinden im Alter“, sagt Joachim Haar vom Blinden- und Sehbehindertenverband Brandenburg. Danach ist für die Menschen nichts mehr so wie es vorher war. Oft ist die Krankheit ein einziger Kampf – um Betreuung, um ein spezielles Lesegerät mit der Krankenkasse, um das Recht auf Mobilität.

Tasten weisen an Ampeln den Weg.

Tasten weisen an Ampeln den Weg. Quelle: Julian Stähle

 Die Potsdamerin Eifrig bekam die Diagnose, als sie 40 Jahre alt war. Sie konnte noch gut sehen – bis vor zwei Jahren. „Ich wollte eine Geburtstagskarte schreiben, aber es ging nicht“, sagt sie. Auf dem Papier erkannte sie nicht, was sie schrieb. „Ein entsetzliches Gefühl“, erinnert sich die Seniorin. Die einfachsten Dinge wurden für die sonst selbstständige, kinderlose Frau zur Herausforderung. Sie fühlte sich allein. Und ihre Welt wurde verschwommen, ein Spiel aus hell und dunkel. Möchte sie etwas erkennen, muss sie so nah heran, dass man ihren Atem auf der Haut spürt. Auch das wird irgendwann nicht mehr möglich sein. Manchmal gehen Menschen an ihr vorüber, die grüßen. Meist grüßt sie nicht zurück. Nicht aus Böswilligkeit: „Ich erkenne die Gesichter nicht“, sagt die 84-Jährige. Nachbarn ordnet sie ihrem Gang oder der Figur zu.

 Beratungsstelle für Blinde und Sehbehinderte macht Mut

 Dass sich Anita Eifrig im Alltag wieder zurecht findet, hat sie der Hilfe des Sozialwerks in Potsdam zu verdanken. In deren Beratungs- und Informationsstelle für Blinde und Sehbehinderte machte man ihr Mut, half das Bewegen mit allen Hindernissen, die sich ihr in den Weg stellten, neu zu lernen. Der Kontakt kam durch Zufall zustande. Viele Menschen würden sich erst melden, wenn es wirklich brennt, weiß der Leiter Michael Mehlmann aus Erfahrung. Dann können sie längst nicht mehr lesen, kaum die Tasten des Telefons bedienen. Die Potsdamerin fordert, dass Augenärzte und Krankenkassen bereits auf Beratungsmöglichkeiten verweisen, damit sich Betroffene nicht als Einzelkämpfer durchschlagen müssen. Der Behindertenbeauftragte des Landes Brandenburg, Jürgen Dusel, unterstützt das. Es sei wichtig, dass es einen ersten Fingerzeig gäbe.

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Die Freundschaftsinsel ist für Anita Eifrig wie ihr eigener Vorgarten. Quelle: Julian Stähle

 Das reiht sich ein in die Probleme, denen allen Eines gemein ist: „Das Bewusstsein für die Belange behinderter Menschen muss wachsen“, sagt Dusel, der selbst seit Geburt eine Sehbehinderung hat. Man müsse bereits in der Schule ansetzen, um langfristig etwas verändern zu können. Probleme gibt es bei der Mobilität, die man ganzheitlich denken müsse – ein behindertengerechter Bahnhof braucht eben behindertengerechte Anschlussbusse – oder bei der Umsetzung von Bauvorhaben. Man müsse mehr diskutieren und Betroffene an Planungsprozessen teilhaben lassen, sagt Dusel. Daran mangelt es bisher in Brandenburg. Anders kann man Blindenleitsysteme, die im Gebüsch enden oder geteilte Verkehrsräume wie in Königs Wusterhausen, die ausschließlich über Blickkontakte zwischen Verkehrsteilnehmern funktionieren, nicht erklären.

 Barrierefreiheit scheint Auslegungssache zu sein

 „Unter Barrierefreiheit scheint offenbar jeder etwas anderes zu verstehen. Aber es ist doch ganz einfach: es gibt nur Entweder-oder“, sagt der Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Joachim Haar. Viel zu häufig gäbe es trotz Vorgaben Ausnahmeregelungen.

 

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Hindernisse ertastet die Potsdamerin vorsichtig. Quelle: Julian Stähle

 Anita Eifrig wagt sich, was sie sonst meidet: Die Sehbehinderte wählt einen relativ unbekannten Weg in Richtung Mercure Hotel. Am Landtag kreuzt der Radweg den Fußgängerweg. Ein Hindernis, aber es kommt kein Radfahrer. Glück gehabt. Drei Treppenstufen liegen vor Eifrig, die mit einem weißen Streifen gekennzeichnet sind. „Das ist gut gelöst“, sagt sie. Sie leuchten hell und verweisen auf die Treppe. Eifrig bleibt kurz stehen, dreht ihren Fuß seitlich. Stufe um Stufe nimmt sie, tastet mit dem Fuß die Kanten ab und zieht das andere Bein hinterher. „Wenn ich gerade laufe, falle ich noch nach vorne“, sagt die 84-Jährige. Traut sie sich nicht über große Straßen, fragt sie andere Menschen um Hilfe. Nicht immer begegnet sie welchen. Dann ist sie hilflos und sucht sich einen anderen Weg.

 Die Schönheit Potsdams kann sie nicht mehr sehen

 

Altersbedingte Makuladegeneration

Die Makula ist ein Areal auf der Netzhaut, das auch als gelber Fleck bezeichnet wird. Es ist verantwortlich für das Lesen, Erkennen von Gesichtern und Details oder das Unterscheiden von Farben.

Die altersbedingte Makuladegeneration ist für 50 Prozent der Fälle von Altersblindheit bundesweit verantwortlich. Sie tritt in der Regel erst ab dem 50. Geburtstag auf, wonach es zu Ablagerungen unter der Netzhaut kommen kann.

Laserbehandlungen und Operationen können das Fortschreiten aufhalten. Doch der bisher erfolgte Sehverlust kann nicht rückgängig gemacht werden.

 

Sicherer fühlt sie sich auf ihrem Spaziergang zur Freundschaftsinsel. Sie nennt sie ihren „Vorgarten“, geht mindestens jede Woche dorthin. Die ältere Dame kennt den Weg, weiß, wo welche Pflanzen stehen. Erfreut sich bis heute an ihnen. „Wenn etwas blüht, dann sehe allerdings ich die Schönheit nicht mehr“, sagt die ehemalige Floristin traurig. Ihren Lebensmut verliert sie trotzdem nicht. „Es gibt so viele Menschen, die schlechter dran sind, als ich“, sagt die Rentnerin. Das, was sie noch sehen kann – selbst wenn sie ganz nah heran muss – saugt sie auf. Solange sie das noch kann.

 Von Christin Iffert

 Erschienen in der Print-Ausgabe der MAZ vom 13.März 2018 und Online am 09.04.2018 unter folgendem Link:

http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Sie-sieht-die-Welt-verschwommen

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